Donnerstag, 31. Dezember 2015

3 x Giotto in München


GIOTTO DI BONDONE - Tafeln in München
Die Sammlung der frühen italienischen Malerei beginnt in der Alten Pinakothek mit Giotto di Bondone (1267 – 1337).
Die drei Bilder in München sind Teile einer  ursprünglich 3,08  Meter langen Altartafel mit insgesamt sieben nebeneinander aufgereihten biblischen Szenen. Die anderen vier Bilder sind in New York, Boston, London und Italien zu sehen.

Giotto di Bondone

Giotto di Bondone  begann in den 70er Jahren des 13. Jahrhunderts seine Lehre in Florenz. In der Werkstatt des berühmten italienischen Malers Cimabue lernte er zuerst die noch byzantinisch geprägte Kunst des Mittelalters kennen. Einen guten Eindruck, von dem, was Giotto in Florenz zu Beginn seiner Lehrzeit sah, kann man im Baptisterium der Stadt gewinnen. Das Kuppelmosaik spiegelt die Kunst des Mittelalters wieder.

Impulse

Doch es lagen bereits neue Ideen in der Luft und Giotto war der richtige Mann zur richtigen Zeit. Der Maler erkannte sofort die Möglichkeiten neuer Ausdrucksweisen und setzte sie konsequent um. Giotto griff das neue Gedankengut seiner Zeit auf und kombinierte es geschickt mit Einflüsse aus Frankreich und Rom mit eigenen bahnbrechenden Ideen. Er war Maler, Vordenker und Erfinder neuer Techniken und Ausdrucksformen.

Gefühle

Im Mittelpunkt seiner Werke stehen Emotionen. Giotto war der erste Künstler, der es wagte die gesamte Palette menschlicher Gefühle – im Auftrag der katholischen Kirche – überraschend realistisch darzustellen.

Das, was er malte entsprach nicht mehr der ikonenhaften Bildtradition früherer Generationen, sondern er schuf ganz neue Erlebniswelten für den noch mittelalterlich geprägten Kirchenbesucher. Die intensiven Blicke seiner Protagonisten lassen den Betrachter nicht mehr los.

Geschichten

Giotto konzentrierte sich auf das Wesentliche und war dabei ein großartiger Geschichtenerzähler. Sein wunderbares Gespür für das richtige Timing zeigt sich in seinen gemalten Schnappschüssen. Seine Momentaufnahmen biblischer Texte fangen exakt den dramaturgischen Höhepunkt ein.

Die Wirkung der Bilder, die durch den übersichtlichen Aufbau der Szenen und die klare Gruppierung seiner Figuren, trotz aller Dramaturgie Ruhe ausstrahlen, kann man besonders deutlich bei der Betrachtung der großen Wandbilder in Padua, Assisi und Florenz spüren.

Dagegen laden die kleinformatigeren Tafel- und Altarbilder den Besucher ein, genau hinzuschauen und bemerkenswerte Details zu entdecken.

Die 7 Tafelbilder
Über die Entstehung der Tafeln, die vor ca. 700 Jahren gemalt wurden gibt es keine Quellen. Sicher ist nur, dass es sich anfangs um ein langes Bild handelte, dass später in Einzelteile zersägt wurde.

Der ursprüngliche Ort der Altartafel ist nicht bekannt. Die Anwesenheit des Heiligen Franziskus in der Kreuzigungsszene könnte ein Hinweis darauf sein, dass die Tafel für eine Franziskanerkirche bestimmt war. Die Tafel könnte als Predella (= Sockelbereich unter einem Altarbild) oder als Altarverkleidung gedient haben.

Themen

Die Tafeln zeigen zwei Bilder aus der Kindheitsgeschichte und fünf Szenen aus der Passionsgeschichte von Jesus.

Geburt Christi und Anbetung der Könige, Metropolitan Museum. New York
Darbringung im Tempel, Isabella Steward Gardner Museum, Boston,
Das letzte Abendmahl, Alte Pinakothek, München
Die Kreuzigung, Alte Pinakothek, München
Grablegung Christi, Berenson Collection, Settignano
Abstieg in das Reich des Todes, Alte Pinakothek, München
Pfingsten, National Gallery, London

Obwohl es unüblich war, zwei Szenen aus der Kindheit Christi mit fünf Szenen aus der Leidensgeschichte zu kombinieren, ist sicher, dass es sich um den kompletten Zyklus handelt.

Durch Röntgenaufnahmen konnte die durchgängige Holzmaserung und damit auch die ursprüngliche Reihenfolge der Bilder sichtbar gemacht werden.

Die Münchner Tafeln

Das letzte Abendmahl
"Einer von euch wird mich verraten.(Jo 13,21) Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er tauchte den Bissen ein und gab ihn Judas, Simons Sohn, dem Ischariot.“ (Jo 21,27)
GIOTTO DI BONDONE -Das letzte Abendmahl - Alte Pinakothek München
 

 

 
 
 
 
 
 
 
Dieses Thema, das Giotto ein zweites Mal in Padua in der Scrovegnikapelle gemalt hat, zeigt Jesus mit den 12 Jüngern beim letzten Abendmahl zu dem Zeitpunkt, als Jesus bereits verkündet hat: "Einer von euch wird mich verraten." (Jo 13,21).

GIOTTO DI BONDONE -Das letzte Abendmahl - Alte Pinakothek München
 „Der ist's, dem ich den Bissen eintauche und gebe. Und er tauchte den Bissen ein und gab ihn Judas, Simons Sohn, dem Ischariot.“ (Jo 21,27)
Damit wird der bevorstehenden Verrats durch Judas hier dargestellt. Judas, der einzige Jünger ohne Heiligenschein sitzt vorne links, mit dem Rücken zum Betrachter. Er beugt sich leicht vor und nimmt das Brot, das Jesus ihm reicht, als Zeichen des bevorstehenden Verrates, entgegen.
 
Johannes, der jüngste der 12 Apostel, der traditionell ohne Bart dargestellt wird, legt traurig seinen Kopf bei Jesus ab.
GIOTTO DI BONDONE -Das letzte Abendmahl - Alte Pinakothek München
Die Männer sitzen auf einfachen Holzbänken rund um eine Tafel.  Außer Judas sind drei weitere Männer von hinten dargestellt. Die Sitzordnung weicht von der sonst in der Kunst üblichen frontal aufgereihten Komposition ab.
Giotto malt zum ersten Mal in der Kunst eine lebendig wirkende Tischrunde mit Rücken- und Seitenansichten in einer zeitgenössischen Umgebung.
 

Die Gäste des Abendmahls sind modisch gekleidet. Die farbigen Gewänder, die im ersten Moment an antike Tuniken mit Pallium  erinnern, sind mit modernen Goldborten des 13. Jahrhunderts verziert. 
Einige Jünger wenden ihre Köpfe erstaunt zu Jesus, andere sind in Gespräche vertieft. Ein junger Mann im Halbprofil trinkt Wein und sein Sitznachbar schneidet gerade ein Brot auf. Die Apostel sind als Individuen dargestellt. Sie unterscheiden sich deutlich im Aussehen, in ihrer Kleidung und im Alter.
GIOTTO DI BONDONE -Das letzte Abendmahl - Alte Pinakothek München
Auf dem Tisch stehen Teller mit gebratenem Fleisch, wahrscheinlich dem Osterlamm, und halbgefüllte Weingläser. Drum herum liegen auf dem gemusterten Tischtuch Messer und kleine Brote verstreut.
Das Abendmahl ist in einem bühnenartigen Raum dargestellt. Besonders rechts unten wird die kulissenartige Konstruktion des Raumes durch den angeschrägten Holzsockel sichtbar. Die Rück- und Seitenwänden werden durch einen umlaufenden Miniaturbalkon geschmückt, der mit, für die Zeit typischen, Cosmaten-Einlegearbeiten verziert ist.
Wie in einem Schnappschuss hält Giotto eine zeitgenössische Szene des täglichen Lebens fest.

Die Kreuzigung
GIOTTO DI BONDONE  - Die Kreuzigung - Alte Pinakothek München
Die Kreuzigungsszene  befand sich ursprünglich genau in der Mitte der Altartafel und nahm damit einen zentralen Platz ein.
Giotto hält die Kreuzigung in dem Moment fest, als Jesus bereits gestorben ist.

Als sie aber zu Jesus kamen und sahen, dass er schon gestorben war, brachen sie ihm die Beine nicht; sondern einer der Kriegsknechte stieß mit dem Speer in seine Seite, und sogleich kam Blut und Wasser heraus.  (Jo 19, 33-34)

 

 
GIOTTO DI BONDONE  - Die Kreuzigung - Alte Pinakothek München
Seine Mutter Maria bricht zusammen und wird von zwei Frauen gestützt. Es standen aber bei dem Kreuz Jesu seine Mutter und die Schwester seiner Mutter, Maria, die Frau des Klophas, und Maria Magdalena.“(Jo 19,25) So wie im Johannesevangelium beschrieben, stellt Giotto die Gruppe mit vier Frauen dar.
 
 
 
Giotto malte zahlreiche Kreuzigungsszenen auf denen üblicherweise Maria Magdalena das Kreuz umarmt oder die Füße von Jesus berührt.
GIOTTO DI BONDONE  - Die Kreuzigung - Alte Pinakothek München
Bei dieser Tafel nimmt ein Franzikanermönch, der an der braunen Kutte zu erkennen ist, den Platz von Maria Magdalena ein. Ihm gegenüber knien ein Mann und eine Frau, die die Stifter der Altartafel sein könnten.








GIOTTO DI BONDONE  - Die Kreuzigung - Alte Pinakothek München
Rechts ist Johannes, der jüngste der Apostel zu erkennen, der ungläubig zurückweicht. Er kann noch gar nicht glauben, dass Jesus gestorben ist. Neben ihm steht ein Mann mit langem Bart, der das Geschehen betrachtet. Dahinter ist noch der Kopf eines dritten Mannes zu erkennen. Die beiden Männer neben Johannes tragen keine Heiligscheine.

 
Vier trauernde Engel umschweben das Kreuz. Der rechte untere blaue Engel reißt sich im typischen Trauergestus des Mittelalters die Kleider von der Brust. Der blaue Engel links, streckt die Arme nach hinten und drückt dadurch seine Trauer aus.


GIOTTO DI BONDONE  - Die Kreuzigung - Alte Pinakothek München
Die beiden roten Engel, die über dem Kreuz schweben blicken nach oben und deuten damit den bevorstehenden Weg von Jesus in den Himmel an.

Auch bei dieser Kreuzigungsszene konzentrierte sich Giotto auf das Wesentliche. Die sonst üblichen Begleiter, Soldaten und Schaulustigen hat er weggelassen.
Abstieg in das Reich des Todes
„….hinabgestiegen in das Reich des Todes…“ aus dem Glaubensbekenntnis.

GIOTTO DI BONDONE - Abstieg in das Reich des Todes - Alte Pinakothek München

 

 
 
 
 
 
 
 
Das heute eher unbekannte Motiv der Höllenfahrt der dritten Tafel war im Mittelalter sehr beliebt. Es zeigt Jesus bei der Rettung gerechter Seelen aus dem Reich des Todes.
Die Stelle im Glaubensbekenntnis „….hinabgestiegen in das Reich des Todes…“ bezieht sich auf die Vorstellung, dass Jesus in der Nacht nach seiner Kreuzigung in die Unterwelt hinabgestiegen sei, um dort die Seelen der gerechten Menschen, angefangen bei Adam und Eva zu befreien.

Man glaubte im Mittelalter, dass erst durch die Auferstehung Christi an Ostern der Himmel für gute Menschen offen stünde. Die Verstorbenen aus der Zeit vor Christi Geburt mussten im Reich des Todes solange warten bis Jesus sie holte.


GIOTTO DI BONDONE  - Die Kreuzigung - Alte Pinakothek München

Auf dem Bild befindet sich Jesus in Begleitung eines jungen Mannes am Eingang in die Unterwelt. Er wendet sich Adam und Eva und vielen anderen zu, die auf ihn als Erlöser warten.
Jesus beugt sich zu ihnen. Sie strecken ihre Hände hilfesuchend ihm entgegen, voller Erwartung. Jesus soll sie herausholen aus der Finsternis. Sie bitten darum und sehnen sich danach. Und tatsächlich: Jesus schaut sie an, und schon hat er Adam an der Hand gepackt um ihn aus der Unterwelt heraus zu holen.
Er wird auch die anderen erlösen. Er wird sie alle mitnehmen.

Jesus hält als Zeichen seiner bevorstehenden Auferstehung bereits die Osterfahne in der Hand. Durch die beiden Symbole Holzkreuz und Osterfahne wird der genaue Zeitpunkt des Bildes – zwischen Kreuzigung und Auferstehung – beschrieben.


GIOTTO DI BONDONE  - Die Kreuzigung
Nur um Jesus, den Erlöser herum ist Licht. Das übrige Bild ist in Dunkelheit getaucht und man muss schon sehr genau hinschauen um die Teufel, Flammen und leblosen Körper vor den dunklen Felsen zu erkennen.

 


Herstellung der Tafeln

Vorarbeiten

In Italien verwendete man für die Tafelherstellung Kastanien- oder Pappelholz. Erst wurden Rahmen- und Zierleisten befestigt, dann begann die Grundierung.
Die leimgebundene Gipsgrundierung wurde in mehreren Schichten aufgetragen und anschließend glattgeschabt und poliert.

Auf dem so entstandenen weißem Untergrund führten die Maler ihre Vorzeichnung aus. Sie ritzten die Umrisslinien mit einem Metallgriffel leicht ein, um später die Grenzen zwischen den zu vergoldenden Bereichen und der Malschicht gut zu erkennen.

Vergoldung und Farbe

Die Vergoldung erfolgte stets vor dem Malen. Um mit möglichst geringen Mengen des kostbaren Materials auszukommen, arbeitete man mit feinen Goldblättern. Das Ausgangsmaterial waren Goldmünzen, die zu hauchdünnen 5 – 9 cm breiten quadratischen Blättern geschlagen wurden.

Zu Beginn der eigentlichen Vergoldung erfolgte der Auftrag einer weichen Tonschicht, die meistens aus rotem Ton vermischt mit Eiklar bestand. Aufgrund der Fettigkeit und der Saugwirkung des roten Tones haftete das Blattgold sehr gut auf diesem Untergrund.

Abweichend von der traditionellen Verwendung roten Tons, verwendete Giotto für  die sieben Tafeln eine sehr feine Schicht grüne Erde, die den Bildern einen kühlen Unterton verleiht.

Mit einem Anschießer, in der Regel ein dickes Papier, nahm man das Blattgold auf und legte es auf den zusätzlich mit Eiklar und Wasser benetzten Untergrund. Dann drückte man die feine Goldschicht vorsichtig mit Wolle oder einem Pinsel an. So legte man Blatt für Blatt mit einer geringen Überlappung auf und polierte anschließend die Fläche mit einem Tierzahn oder Polierstein.

Nach der Vergoldung konnten die freigelassenen Stellen bemalt werden. Farbuntersuchungen der Londoner Tafel haben ergeben, dass Giotto Bleiweiss, Blei-Zinngelb, Ocker, Zinnoberrot, rote Erde, grüne Erde, Harz des Drachenbaumes, sog. Drachenblut, Azurit und das sehr kostbare Ultramarinblau für diese Tafeln verwendete. Bemerkenswert ist, dass Giotto oft mehrere Farbschichten übereinanderlegte und somit interessante Farbeffekte erzielte.

Fazit

Obwohl nichts über die Entstehung und den Verwendungszweck der sieben Tafeln bekannt ist, kann man aufgrund stilistischer Vergleiche ziemlich sicher davon ausgehen, dass Giotto di Bondone der Maler dieser Bilder ist.

Giotto hat einen sehr individuellen Stil der Momentaufnahme entwickelt. Auch in den Münchner stellt er die Gefühle seiner Protagonisten durch Blicke und Gesten ausdrucksvoll in den Vordergrund. Tafeln. Er inszeniert die Szenen ruhig und klar, indem er sich auf das Wesentliche konzentriert.

Bereits seine Zeitgenossen waren von der lebendigen, für die damalige Zeit völlig neuen Bildgestaltung, fasziniert und feierten Giotto di Bondone als Star. Seine Bilder wurden für die nächsten Generationen richtungsweisend  und dienen bis heute großen Künstlern als Inspiration.

2017 feiert Giotto seinen 750. Geburtstag.

giottoblog.de

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Literatur
Bomford, D. et al., Art in the Making: Italian Painting before 1400, National Gallery London, 1989

Dienstag, 13. Oktober 2015

Wolkenkratzer in Florenz



























Das ist kein Zukunftsszenario sondern ein Blick in die Vergangenheit

Im Jahr 1277 war Florenz eine boomende Metropole.

300 gigantische Türme, die dicht gedrängt in den Himmel schossen, waren Ausdruck von Macht und Reichtum. Die wohlhabenden Familien wetteiferten, wer den höchsten und schönsten Turm besaß. Zahlreiche Gebäude stürzten ein, da die Erbauer zu hoch hinaus wollten. Die Stadtverwaltung sah sich bereits im Jahr 1250 gezwungen die Höhe der Türme auf 27,5 Meter – das wären heute 9 Stockwerke -zu begrenzen. Was darüber lag musste auf dieses Maß gekürzt werden. 

Geschlechtertürme

Die Geschlechtertürme der adeligen Familien prägten die mittelalterliche Stadtkulisse.
Der alte Adel, der aus dem Umland in die Stadt gezogen war, hatte die Symbole seiner feudalen Zeit mit hinüber in das städtische Leben genommen.
Die meisten Türme sind um 1200 entstanden. Sie symbolisierten die Macht und den Stolz der adeligen Familien. Kaufleute und Bankiers, die durch den Handel reich geworden waren, versuchten mitzuhalten und errichteten ebenfalls Türme.

Der Eingang zum Turm lag in der Regel nicht im Erdgeschoss, sondern im ersten Stock und war nur durch eine hölzerne Leiter oder Brücke zu erreichen. In friedlichen Zeiten, bauten befreundete Nachbarn hölzerne Verbindungsbrücken in schwindelerregenden Höhen. So konnte man sich von Turm zu Turm besuchen.
 
Belagerungen und Wurfgeschosse

Die Ritter und adeligen Familien waren zwar von ihren Landsitzen in die Stadt gezogen, aber sie hatten ihre alten Lebensgewohnheiten nicht aufgegeben. Meistens waren die Familienclans in irgendwelche Streitigkeiten und Kämpfe verwickelt.

Der kleinste Anlass genügte und schon begannen die innerstädtischen Kämpfe von Turm zu Turm. Sie bewarfen sich mit Steinen und anderen Wurfgeschossen und gossen heißes Pech von den Türmen.

Die Wohntürme wurden immer mehr zu Fluchtburgen erweitert in denen die feindlichen Familien über Wochen und Monate gegenseitige Belagerungen aushalten konnten. Trutzige Bauten, von Turmgesellschaften organisiert, zu denen sich mehrere Familien oder ganze Straßenzüge zusammenschlossen, dienten der Verteidigung und des Angriffs.

Ein Augenzeugenbericht
Rohault de Fleury (ca. 1400) schildert sehr anschaulich, wie sich ein Kampf mitten in der Stadt abspielte. Hier ein kleiner Auszug des Textes:
 
„….die Aufrüstung des Turms wird vollendet, indem man eine leichte Brücke bis zum nächsten Turm der Lancia zur Cersina hinübergestreckt hat und auf die zu diesem Zwecke hervorkragenden Konsolen aufgelegt hat, damit beide Ghibellinentürme vereint den Guelfenturm Figiovanni bekämpfen können.
Nun ist alles bereit. Die Söldlinge liegen auf dem Boden und erwarten die Sonne, die über dem Appennin aufgeht. Der Morgenwind entfaltet die Fahnen mit den Farben und Wappen der Partei.
Die Leute spannen die Leinen ihrer Schleuderruten, welche Steine aus dem Ledersack werfen. Der Kampf wird allgemein, die Steine durchfliegen die Luft wie Sternschnuppen, und dazwischen schlagen sicheren Schusses die Pfeile ein. ……
Während das oben auf den Türmen geschieht, wird unten um die Barrikaden gekämpft. Die Ghibellinen ziehen sich in ihren Turm zurück, holen die Leiter herauf, schließen die Pforte und besetzen die Überzimmer. Wie die Guelfen Stroh und Reisig am Fuße des Turms anhäufen und anzünden wollen, werden sie durch einen Hagel von Pfeilen zurückgetrieben. 
Da schreit einer nach Tischen! Gleich werden diese aus den benachbarten Häusern herangebracht, aneinandergerückt und so eine Galerie gebildet, unter der nun das Brennmaterial auflodert und die Turmpforte in kurzer Zeit zu Asche verbrennt. 
Die Angreifer dringen ein, aber die Strickleitern sind aufgezogen und es gibt keine Möglichkeit zu den Ghibellinen hinauf zu gelangen. – Nun wird eine Leiter gebracht und zu einem Loch in der Decke aufgerichtet. Die Tapfersten steigen hinauf und müssen von Stockwerk zu Stockwerk gleichermaßen den Sturm fortsetzen….“ (Den gesamten Text finden Sie im Anhang)
 
Wohlstand und Toleranz


Trotz der immer wieder aufflackernden Streitigkeiten und Kämpfe rivalisierender Familien, entwickelte die Stadt am Arno eine für damalige Verhältnisse erstaunlich offene und tolerante Gesellschaft. Schon früh hatten die Familien des städtischen Adels familiäre Bande mit den reichen bürgerlichen Familien geknüpft, so dass im Laufe des 13. Jahrhunderts etwa 60 bis 70 der reichsten und mächtigsten Familien der Toskana gemeinsam die Geschicke von Florenz lenkten. 


Stadt und Land tauschten Menschen, Waren und Ideen aus. Ritter und Bürger, Adelige und Kaufleute sahen sich nicht nur täglich auf den Straßen, sondern machten auch Geschäfte zusammen und lebten Tür an Tür. Die Welt der Florentiner im Jahr 1277 war voller Widersprüche. Unbändiger Lokalstolz, feste Verwurzelung im heimatlichen Stadtviertel verbanden sich mit internationalem Flair und kosmopolitischer Lebensart.
Der Alltag war genauso von religiösen Ritualen und  einem unerschütterlichen Glauben an die Kraft heiliger Bilder geprägt, wie von nüchternem kaufmännischen Kalkül und städtischem Freiheitsdenken. 
Wie ein Magnet zog Florenz die Menschen an. Im Jahr 1200 hatte die Stadt ca. 30.000 Einwohner, 1250 waren es bereits 60.000 und im Jahr 1280 lebten rund 100.000 Menschen in Florenz. Die Einwohnerzahlt hatte sich in 80 Jahren mehr als verdreifacht.

Stadtansicht

Die mittelalterliche Stadtansicht ist fast völlig verschwunden. Die prächtigen Renaissancebauten, wie zum Beispiel der Dom mit seiner beeindruckenden Kuppel, prägen heute das Stadtbild von Florenz.








 
Auf der frühsten noch erhaltenen Gesamtansicht von Florenz aus dem Jahr 1352, die sich im Saal des Consiligio del Bigallo, befindet, erkennt man noch deutlich die zahlreichen in die Höhe strebenden mittelalterlichen Wohntürme. 
Aus der Zeit des 13. Jahrhunderts sind nur wenige markante Gebäude, wie zum Beispiel das Baptisterium, der spitze Turm der Badia Santo Stefano und gegenüber, das ehemalige Rathaus Bargello sowie die Kirche San Miniato al Monte oberhalb von Florenz.
 
Spurensuche 

Viele Bauten wurden bereits im Mittelalter bei innerstädtischen Auseinandersetzungen zerstört. Andere fielen städtebaulichen Projekten zum Opfer oder wurden irgendwann wegen Baufälligkeit abgerissen.
Leider wurden im zweiten Weltkrieg bei Bombenangriffen viele bis dahin noch erhaltene Türme zerstört. Die meisten Türme wurden im Laufe der Zeit gekürzt und die unteren Etagen in die modernen Häuser integriert. 


Erst auf den zweiten Blick, und nur wenn man ganz genau hinschaut, entdeckt man zahlreiche Reste der einst so gewaltigen Wohntürme in den heutigen Einkaufsstraßen von Florenz. Besonders nördlich der Piazza della Signoria kann man noch zahlreiche Turmreste entdecken. Aber es gibt in Florenz auch noch einige sehr gut erhaltene Wohntürme, wie zum Beispiel den Torre Donati an der Piazza di San Piero Maggiore.






Fazit:
Florenz war einerseits eine blühende weltoffene Handelsstadt aber andererseits noch tief in der mittelalterlichen Tradition verwurzelt. Das Stadtbild wurde im Jahr 1277, zu der Zeit als Giotto di Bondone seine Malerlehre in Florenz begann, von spitzen gotischen Kirchtürmen und wehrhaft in den Himmel ragenden eckigen Wohntürmen geprägt. Heute ist davon auf den ersten Blick wenig erhalten.  Begibt man sich allerdings auf Spurensuche, so entdeckt man noch zahlreiche Gebäude der Giottozeit. 
Anhang

Der ganze Bericht von Rohault de Fleury (ca. 1400) entnommen aus: 
Micheal Braune, „Türme und Turmhäuser“,  Köln, 1983 Seite 97ff:
„Zimmerleute tragen Balken herbei, mit denen sie die Straßen zu gewissen Bezirken mit Barrikaden absperren, die sie mit Brettern, in denen Scharten eingeschnitten sind, bekleiden. Beim Schein der Fackeln rückt die Arbeit tumultartig aber rasch vorwärts. Straße um Straße, Gässchen um Gässchen bis ein Stadtteil als Zitadelle umschlossen ist. Dort hängt ein Arbeiter an einem Seil 30 Meter über dem Boden und schiebt die ersten Balken einer Konstruktion in die Mauerlöcher. 
Alle Hölzer sind zu diesem Zweck im Voraus nummeriert. So entsteht ein Balkenwerk, der Bretterboden, die Wände und das überhängende Dach rings um den Turm, der selbst keine Scharten hat. Um die Plattform werden Zinnen von Holz errichtet. Dort sind Leute beim Schein einer Pechpfanne beschäftigt, einen Mangane aufzustellen, indem sie die Schwellen legen, die Räder in die Zapflöcher stellen, die Schleuderruten nach dem Kampfplatz richten und vor ihr Steine und Steinböcke aufhäufen, die sie mit einem Kran heraufgezogen haben.
Die Aufrüstung des Turms wird vollendet, indem man eine leichte Brücke bis zum nächsten Turm der Lancia zur Cersina hinübergestreckt hat und auf die zu diesem Zwecke hervorkragenden Konsolen aufgelegt hat, damit beide Ghibellinentürme vereint den Guelfenturm Figiovanni bekämpfen können.
Nun ist alles bereit. Die Söldlinge liegen auf dem Boden und erwarten die Sonne, die über dem Appennin aufgeht. Der Morgenwind entfaltet die Fahnen mit den Farben und Wappen der Partei.

Die Leute spannen die Leinen ihrer Schleuderruten, welche Steine aus dem Ledersack werfen. Der Kampf wird allgemein, die Steine durchfliegen die Luft wie Sternschnuppen, und dazwischen schlagen sicheren Schusses die Pfeile ein.
Die Arbeiter an den Manganen, rot gekleidet mit stählernem Helmen, halten ihre Posten, wenn auch ein Pfeil durch den Schild dringt, den sie herausziehen, oder die Toten auf dem engen Kampfraum den Lebenden weichen müssen. Die Steine werden wieder zurückgeworfen. Einer zerschlägt die Mangane der Lancia, von allen Guelfentürmen erschallt dien Siegesschrei. 
Während das oben auf den Türmen geschieht, wird unten um die Barrikaden gekämpft. Die Ghibellinen ziehen sich in ihren Turm zurück, holen die Leiter herauf, schließen die Pforte und besetzen die Überzimmer. Wie die Guelfen Stroh und Reisig am Fusse des Turms anhäufen und anzünden wollen, werden sie durch einen Hagel von Pfeilen zurückgetrieben.

Da schreit einer nach Tischen! Gleich werden diese aus den benachbarten Häusern herangebracht, aneinandergerückt und so eine Galerie gebildet, unter der nun das Brennmaterial auflodert und die Turmpforte in kurzer Zeit zu Asche verbrennt. 
Die Angreifer dringen ein, aber die Strickleitern sind aufgezogen und es gibt keine Möglichkeit zu den Ghibellinen hinauf zu gelangen. – Nun wird eine Leiter gebracht und zu einem Loch in der Decke aufgerichtet. Die Tapfersten steigen hinauf und müssen von Stockwerk zu Stockwerk gleichermassen den Sturm fortsetzen. Eine Seitenpforte öffnet sich und die Verteidiger erscheinen auf der Brücke, die zum nächsten Turm der Cersina führt.
Der Feind dringt ihnen nach – doch da haben sie die Brückenbalken von den Tragsteinen abgeworfen, und Brücke und Verfolger stürzen in die Tiefe hinab. Das hindert nicht, dass am anderen Tag der Kampf fortgesetzt wird.“
Weitere Literatur:

Braunfels Wolfgang, Mittelalterliche Stadtbaukunst in der Toskana, Gebr. Mann Verlag, Berlin 1988
Beuys Barbara, Florenz Stadtwelt – Weltstadt, Urbanes Leben von 1200 bis 1500, Rowohlt Verlag, Reinbeck 1992
Tragbar Klaus, Vom Geschlechterturm zum Stadthaus, Münster 2003
Fanelli G., Firenze: architettura e città, Florenz 2003